Dr. Ulrike Brandenburg

Dozentin der Klner Therapietage 2007

Ulrike BrandenburgFrau Dr. Brandenburg betreibt als Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin eine Praxis für Paar- und Familientherapie, ist Leiterin des Funktionsbereichs Psychoonkologie/Sexualwissenschaft der Frauenklinik am Universitätsklinikum Aachen und Lehrtherapeutin und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Nach langjähriger Arbeit an verschiedenen Universitätskliniken hat sie gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrich Clement das Institut für Sexualtherapie Aachen/Heidelberg gegründet. Die Weiterbildung von Sexualtherapeuten und die Vermittlung zwischen der akademischen Sexualwissenschaft und -therapie einerseits und den Anliegen der sich mit entsprechenden Problemen herumschlagenden Menschen andererseits sind die zentralen Anliegen ihres Instituts. Die Frage nach dem sexuellen Funktionieren spiele in Beratungen und Therapien nicht mehr die Hauptrolle. „Vielmehr geht es um die Frage, wie wir sexuell leben wollen, was uns als sexuelle Personen ausmacht.“

Das war der Beitrag 2007:

Vortrag V 2: Lustlosigkeit

Kaum etwas wird in der Sexualität so wenig hinterfragt, wie die Lust. Man hat sie einfach zu haben, sonst stimmt etwas nicht mit einem. "Ich bin völlig verzweifelt. Es passiert mir jetzt schon zum dritten Mal. Jedes Mal verliere ich ungefähr nach einem halben Jahr meine sexuelle Lust. Ich liebe diesen Mann. Ich will mit ihm zusammenbleiben. Ich will ihn nicht wieder deswegen verlieren.", so die Worte einer Patientin. "Sehnen Sie sich denn danach, lustvoll Sex zu machen? Sehnen Sie sich danach, lustvoll von ihm gestreichelt zu werden, oder lustvoll mit ihm zu schlafen, oder lustvoll einander zu küssen?", fragt die Therapeutin. Die Patientin stutzt und erwidert dann: "Das weiß ich eigentlich gar nicht. Ich glaube, das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass ich mich, weil ich eben keine sexuelle Lust habe, wie gestört fühle und eben so, als wäre ich nicht okay. Das macht mich aggressiv. Ich ziehe mich von meinem Mann zurück. Wir werden immer gereizter. Ich habe Angst um unsere Liebe. Ja, und dann dieses Warten darauf, dass endlich Lust kommt. Das alles macht mich verrückt und verzweifelt.", so die Patientin.

Geht es also wirklich um sexuelle Lust oder vielleicht vielmehr um die Bedeutung von sexueller Lust? Die Bedeutung wiegt schwer und sagt: "Wer Lust aufeinander hat, der liebt sich. Wer Lust aufeinander hat, der findet sich attraktiv. Wer Lust aufeinander hat, ist ein normales Paar." Der Umkehrschluss liegt auf der Hand. Wer keine Lust aufeinander hat, liebt sich nicht oder findet sich nicht attraktiv und ist auf alle Fälle kein normales Paar. Also warten alle auf Lust. Das aber scheint genau die richtige Strategie zu sein, die Lust zu verhindern. Außerdem ist es öde, anstrengend und frustrierend. Vielleicht gehen deswegen mittlerweile so viele Frauen und immer mehr Männer der sexuellen Lust aus dem Wege.

Dabei gibt es andere Möglichkeiten. Braucht es denn eigentlich wirklich immer Lust, um sexuell aktiv zu werden? Ist nicht möglicherweise die Annahme, dass sexuelle Lust immer die Voraussetzung für sexuelle Aktivität sein muss, ein Trugschluss? Und vielleicht noch viel mehr, nämlich eine Paar-Falle? Lässt sich Lust nicht womöglich einfach gestalten, konstruieren? Moderne sexualtherapeutische Behandlungskonzepte weisen deutlich darauf hin. Und wenn ja, warum sind wir denn eigentlich strategisch so äußerst potent darin, dafür zu sorgen, dass keine sexuelle Lust zwischen uns und unserem Partner entsteht? Und welches sind überhaupt diese persönlichen sicheren Lustvermeidungsstrategien? Und was würde es überhaupt für uns bedeuten, wenn wir plötzlich alle wieder Lust hätten?


Workshop WS 03: Sexualität – Ein Tabu in der therapeutischen Beziehung?

Obwohl Sexualität immer öffentlicher wird, bleibt die private Sexualität oft auf der Strecke – und das erst recht, wenn sie problembehaftet ist. Nach wie vor geben Paare an, über sexuelle Wünsche wie auch Nöte so gut wie nicht mit dem Partner kommunizieren zu können. Aber nicht nur unter Paaren bleibt Sexualität in der kommunikativen Tabuzone, sondern auch im medizinischen/psychotherapeutischen Alltag. Wem das Sprechen über Sexualität schwerer fällt – den Betroffenen oder uns ExpertInnen – bleibt oft unklar. Klar dagegen ist, dass sexuelle Probleme auf ExpertInnenseite gern überhört, bagatellisiert oder verschoben werden. Diese Hilflosigkeit auf beiden Seiten führt nicht selten zur Chronifizierung von sexuellen Störungen, die, wenn sie frühzeitig erkannt worden wären, zum Teil einfach behandelbar gewesen wären.

Ziel dieses Workshops ist es, ein Bewusstsein bezüglich dieses tabuisierten Umgangs mit Sexualität in der therapeutischen Beziehung zu vermitteln. Daneben soll ein erster Einstieg in das „Sprechen über sexuelle Probleme“ geübt werden. Auch wird ein Überblick über die Diagnostik sexueller Störungen gegeben.


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